Wie Museum unser Leben verändern könnten oder Der Traum von einem glücklichen Museum: Teil 1

Bei einer angeregten Diskussion über Sinn und Unsinn in der Museumspädagogik mit einer Kölner Kollegin fällt mir seit längerem mal wieder die kleine Broschüre des britischen Museumsverbundes ein, die ich 2013 einen ganzen Sommer lang mit mir herum geschleppt hatte: „Museums Change Lives: The MA’s Vision for the Impact of Museums“. Auch wenn heute morgen andere Aufgaben auf mich warten, krame ich sie wieder heraus.

Leider war die Nacht viel zu kurz und ich hoffe, mein verlässlicher Yorkshire Tea hilft mir durch den Stapel Papierkram auf meinem Schreibtisch. Später.

Mit der Museums Change Lives-Vision stieß die Museums Association vor knapp zwei Jahren die Diskussion um die weitreichenden Auswirkung – den „impact“ – von Museen auf das Leben der Menschen in der Stadt oder der Gegend, in der sie sich befinden. Würden Studien, die die positiven Einflüsse von Museen auf das wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Gefüge der „Communities“ um sich herum aufzeigten, eine gute Argumentationsgrundlage gegen die andauernden Budgetkürzungen und betrauerten Schließungen kleinerer Häuser liefern?

Der Tee ist zwar stark aber immer noch viel zu heiß. Ich schlage die Broschüre auf und erinnere mich an die Gänsehaut, die ich bekommen habe, als ich die Zusammenfassung der ersten Seite das erste Mal gelesen hatte:

„Museums change people’s lives. They enrich the lives of individuals, contribute to strong and resilient communities, and help create a fair and just society. Museums in turn are immensely enriched by the skills and creativity of their public.“

„Museen verändern unser Leben. Sie bereichern das Leben jedes einzelnen, stärken widerstandsfähige Gemeinschaften und helfen, eine faire und gerechte Gesellschaft zu bilden. Im Austausch dafür werden Museen durch die Fähigkeiten und Kreativität ihrer Besucher unglaublich bereichert.“

Ich erinnere mich, wie ich mich mit meiner ehemaligen Chefin bei einem großen Glas Wein spät am Abend irgendwo in England über die Vision unterhielt. Ihr Pragmatismus und Erfahrung aus ihrer Arbeit in Museen im ganzen Land lassen sie über den hohen Anspruch lächeln. Natürlich hat sie Recht, wie sollen denn gerade in diesen Zeiten viele Häuser die hochgesteckten Ziele auch nur anvisieren, wenn sie gerade wieder die Öffnungszeiten kürzen mussten, um an Strom und Personalkosten zu sparen?

Der Tee ist abgekühlt. Ich nehme einen Schluck. Damals wie heute widerspricht mein unverbesserlicher Optimismus: Aber ich habe doch schon gesehen und miterlebt, wie Museen die Menschen beeinflussen können! Darauf müssen wir doch alle gemeinsam hinzu arbeiten!

Ja, ich unterschreibe immer noch alles: „Museums enhance wellbeing – Museen verbessern das Wohlbefinden“ – habe ich nicht selbst Projekte durchgeführt, in denen ich sehen konnte, wie das Mauerblümchen plötzlich aufging? „Museums create better places – Museen schaffen bessere Orte“, „Museums inspire people and ideas – Museen inspirieren Menschen und lassen Ideen entstehen“ – und haben ehemalige Projektteilnehmer mir nicht schon oft genug erzählt, was sich seitdem an ihrem Leben verändert hat? Und wenn es nur ein neues Hobby ist.

Die ganze Broschüre ist voller gekritzelter Randnotizen. Der Tee zeigt noch keine Wirkung. Gähnend blättere ich weiter. Was soll das heißen? Der Kopf wird immer schwerer … Ach ja, der Traum von einem glücklich machenden Museum

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© Sandra Brauer

Ein Museum, wie es sich in jeder mittelgroßen Stadt befindet. Es müssen ja keine herausragenden Sammlungen sein, die jedes Jahr Touristenströme anlocken. Nein, klein, aber fein. Vielleicht in einem älteren Gebäude, das ein wohltätiger Bürger einmal der Stadt gespendet hat. Ein paar Anbauten, als noch Geld für die Kultur übrig war. Nicht hübsch vielleicht, aber zweckmäßig. Relativ zentral gelegen, etwas abseits der Fußgängerzone. Man muss schon wissen, wo es ist. Aber das wissen eigentlich alle in der Stadt.

Der Eintritt zum Museum ist frei. Auch zu den Sonderausstellungen. Am Eingang steht ein Spendentopf für Besucher, mit dem sie beim Verlassen der Ausstellung abstimmen können, wie gut sie den Besuch heute fanden. Aber die meisten Menschen aus dem Umland sind eh Mitglieder im Freundesverein und entrichten einen jährlichen Obolus. 

Das Cafe ist zur Mittagszeit wie immer gerappelt voll. Eine Gruppe Frauen mit  Kinderwägen plauscht an zwei Tischen. Sie treffen sich einmal im Monat hier und  nähen, stricken, häkeln unter Anleitung im Werkraum des Museums. Ganz für umsonst. Ihre Kinder werde in der Zeit von einer Studentin betreut, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin im städtischen Berufskolleg macht und hier einen Teil ihres Pflichtpraktikums verbringt. Die Gruppe bereitet eine Ausstellung ihrer Arbeiten vor, die zusammen mit Sammlungsexponaten die Geschichte der Haushaltstextilien der letzten 100 Jahre erzählen wird. Eine der Frauen, eine schüchterne Migrantin aus Afrika, hat in der Gruppe viele Freundinnen gewonnen, die ihr mit ihrem Deutsch und dem Behördendschungel helfen. 

Eine Gruppe Teenager in einer Ecke des Cafes tippt aufgeregt auf ihren Smartphones herum. Auf Twitter hat das Museum gerade verkündet, dass bei der nächsten Museumsnacht ein angesagter DJ im Museum auflegen wird. Endlich mal was los hier in diesem Nest! Eins der Mädels rutscht auf der Stuhlkante herum. Sie hat noch bessere Neuigkeiten, denn sie ist im Jugendbeirat des Museums und es war ihr Vorschlag, diesmal eine coole Band oder einen DJ anzuheuern, der bei der Direktion Anklang gefunden hat. Sie will später Journalistin werden und kann es kaum abwarten, ihren neidischen Freundinnen zu erzählen, dass sie zusammen mit der Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit und der Lokalzeitung den DJ interviewen darf!

Vor dem Museum sind seit einiger Zeit immer wieder Autos vorgefahren und älteren Menschen wurde aus dem Wagen und mit oder ohne Rollator die Rampe hochgeholfen, die die örtliche Schreinerei im letzten Jahr gesponsort hat. Ein Bus der Seniorenresidenz fährt vor und ein paar Museumskräfte kommen aus dem Gebäude, um zu helfen. Man kennt sich, schließlich kommt seit Jahren jeden ersten Donnerstag im Monat das Senioren-Kaffeekränzchen im Museum zusammen. Obwohl, es finden sich auch jüngere Gesichter. Ortsansässige können sich über eine gemeinsame App der Wohlfahrt und des Museums als ehrenamtliche Kulturpaten verpflichten, ein ältere Mitbürgerin oder einen Mitbürger zu diesen Treffen zu begleiten, wenn es alleine mit dem Busfahren nicht mehr so gut geht. In vielen Fällen besuchen die „Adoptivgroßeltern“ auch außerhalb des monatlichen Treffens „ihre“ Familien. 

Heute geht es nach dem Kaffeeklatsch in die Sonderausstellung, denn schließlich hat mehr als einer von ihnen mit eigenen Erinnerungen und persönlichen Schätzen die Ausstellung bestückt, in der es um die berüchtigten Tanzhallen der 1950er Jahre ging. Wie die jungen Hüpfer aus der benachbarten Gesamtschule geschaut haben, als sie in einem gemeinsamen Tanzworkshop denen mal gezeigt haben, wie so ein vernünftiger Jive geht! Und was die dann damit gemacht haben … Das Video, das Teilnehmer der VHS von ihrem Projekt und ihren Erinnerungen gedreht haben, hatte ihnen die nette Dame vom Museum ja schon auf dem iPad gezeigt. Mal sehen, ob das auch in der Ausstellung so gut rüber kommt.

© Sandra Brauer

© Sandra Brauer

Es klingelt an der Tür. Ich schrecke auf. Die Post. Und der Tee ist kalt. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, der Papierstapel …

FORTSETZUNG FOLGT.

Dank an die Kulturtussi für die Anregung zum Post!

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